Südkurier, 24.04.2007

Kabarett? Publikumsfortbildung!

Bitterböse und provokant:

Gabriele Zink als arbeitslose Schauspielerin im Theater am Turm.

 

Zynisch und schrill, schwarzhumorig und urkomisch war die Vorstellung, die Gabriele Zink im Theater am Turm in VS-Villingen ablieferte. "Ich? - Ah Geh!" heißt das kabarettistische Solo-Programm der Freiburger Schauspielerin, hinter dem sich ein sprach- und phantasiegewaltiger Rundumschlag durch die unsere gesellschaftliche Gegenwart verbirgt. Roter Faden ist der Aufstieg einer arbeitslosen Schauspielerin zur Beraterin von Angie Merkel; das Publikum war begeistert.

Gabriele Zink als Aiche in ihrem Solo-Programm "Ich - Ah Geh!"

Ein Standard-Klingelton macht die Zuschauer wach, manche zucken schuldbewusst zusammen. Das bekannte Geräusch ist leicht zu orten, es gehört zu Gabriele Zink, die sich aus den Publikumsreihen erhebt, grauer Hosenanzug, Handy am Ohr, businesslike. Mitten im Leben und haarscharf daran vorbei, mit gleichwohl hohem Wiedererkennungswert: So machte sich die Mittvierzigerin mit dem Publikum bekannt und zwar als Schauspielerin Verena Schenk aus Freiburg. Parallelen zwischen der eigenen Geschichte und der des Alter-Ego auf der Bühne sind Teil der szenischen Strategie (Regie: Christian Bronder, Text: Volkmar Staub) und erhöhen die Authentizität.

 

Die Schauspielerin, die nur noch als Zweitbesetzung der Leiche im Tatort gefragt ist, findet sich im Freiburger Arbeitsamt wieder. Hier findet sie endlich einen Weg, ihre angestammten Qualifikationen im wahren Leben einzusetzen, der Wandel von frustrierter Job-Sucherin zur erfolgreichen Job-Designerin beginnt.

 

Das gibt Gabriele Zink in der Tat die ideale Gelegenheit, mit ihrer Verwandlungsfähigkeit zu glänzen, sekunden-schnell und mühelos springt sie zwischen den Rollen hin und her. Gabriele Zink will provozieren, will die Leute nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken bringen, glücklicherweise ist beides vereinbar.

 

Sprechende Gestik und karikierende Mimik unterstreichen die Wortbilder, die aus dem Alltag entspringen, eine Collage aus Überzeichnungen mit wahrem Kern. Der Schein trügt nicht, er ist das Wichtigste und dann die bittere Erkenntnis beim morgendlichen Blick in den Spiegel: Vielfaltig statt vielfältig, "Brot kann schimmeln, du kannst nichts."

 

Das ändert sich dank der Gehirnwäsche bei Eingliederungsmaßnahmen des Arbeitsamts, Verena Schenk gründet die Ich-AG "Piranja", erfindet maßgeschneiderte Jobs für ihre Freundinnen und hat auch Ideen für die Theatergäste. Sie reichen von Gammelfleisch-Designer über Hundepsychologin zum spezialisierten Cleaning-Manager, "du könntest Kaugummi vom Pflaster kratzen, du siehst so geschmeidig aus."

 

Die Krönung dieser Bilderbuchkarriere führt ins Kanzleramt und zum Vorschlag, flächendeckend Kokain in deutsche Wasserleitungen zu kippen, um die Leistungen zu steigern. Alles nur Theater im Theater, erfährt das Publikum zum Schluss, in Wirklichkeit wurde Verena Schenk vom Arbeitsamt als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur Publikumsfortbildung beauftragt: "Sie können sich Ihren Anwesenheitsschein an der Kasse abholen".

 

Christina Nack