Badische Zeitung, April 2007

Gnadenlose Klarheit des Scheins

Zwischen Arbeitslosenkartei und Verkaufswahn:

Gabriele Zink spiegelt ungeschönt die Berufswelt wider, auch die des Theaters

 

DENZLINGEN. Seid realistisch, fordert die Utopie! Die Botschaft von Gabriele Zink alias Verena Schenk ist eindeutig: Wer in der Realität ankommen will, der muss anders, der muss quer denken. Nicht zuletzt, weil die Realität so verquer ist. Auf diese Denkreise nimmt die 43-jährige Schauspielerin am Samstagabend in der Rocca mit. "Ich? – Ah Geh!" lautet der mehrdeutige Titel des ersten Soloprogramms der Württembergerin, die in Freiburg lebt.

Gardinenpredigt im Business-Kostüm: Gabriele Zink als Verena Schenk in ihrem Solo-Programm "Ich - Ah Geh!"

„Handy aus“ ist man versucht zu rufen, als Gabriele Zink mitten im Publikum ihr Programm beginnt. Geschäftig verhandelt sie mit der Unbekanntem am anderen Verbindungsende, dabei langsam der Bühne zustrebend. Ganz Karrierefrau, im hellgrauen Hosenanzug, darunter, nur bescheiden die Figur betonend, ein schwarzes Top. Sachlich, bestimmt, tritt sie als Verena Schenk auf.

 

Die Frau, die es geschafft hat, von der Opferrolle der arbeitslosen Schauspielerin im Arbeitsamt zur Ikone der Arbeitsvermittlung zu werden. Und bei der am Ende die bürokratischen Jobdealer auf der Stecke bleiben. Wie ihr das gelungen ist, sich eben nicht „im Scheitern einzurichten“, lässt sie locker Revue passieren und teilt dabei heftig aus. Mit einer Derbheit, die für eine weibliche Schauspielerin ungewöhnlich ist. Aus der Feder von Volkmar Staub stammen die zuspitzenden Texte.

 

Abgerechnet wird zuerst mit der eigenen Zunft. Dem Theatergeschäft, das mehr und mehr den „Tabubruch um des Tabubruchs willen“ in den Vordergrund spielt. Nicht Kunst der Provokation, sondern Provokation selbstverliebt. Da hat man es als Aktrice über 40 wahrlich nicht leicht, wenn einem das Penetrieren und Urinieren auf der Bühne über ist, wie auch das Anbiedern bei Intendanten. Bleiben beim Abstieg die freischaffenden Theatergruppen, kleine Engagements in Soaps und die „Zweitbesetzung beim Tatort – als Leiche – wenn die Erstbesetzung verschnupft ist oder überraschend stirbt“.

 

Der Wandel erfolgt beim Coaching, bei dem auch der Rest des altgriechischen Humanismus, den Schauspieler in sich tragen, flöten geht und schnell begriffen wird: Du musst ein Schwein sein. Denn schließlich „trügt nicht der Schein –der Schein ist alles“. So we4rden schnell Arbeitsplätzchen gebacken, bei denen es vor allem darum geht, verkaufen zu können. „In erster Linie sich selbst“. Kreativität ist gefragt, wenn es darauf ankommt, sich die Welt und neue Jobs zu designern. Wenn es auch nur ist, „bei Ebbe Land zu verkaufen“.

 

Die Tür steht allem offen, und dieses weite Feld nutzt Gabriele Zink als Verena Schenk weidlich, um ihre schauspielerischen Fähigkeiten auszuspielen. Vor allem, wenn sie in schnellen Dialogen die Rollen wechselt, zwischen Jungfrau von Orleans und sächselnder Arbeitsamtberaterin hin- und herspringt, mal eine Lidl-Verkäuferin gibt, eine smarte Mädchenhändlerin, die Performance lernenden Priester oder eine türkische Putzfrau. Ergänzt wird dieser temporeiche Rollenwechsel durch inhaltlichen Biss, der dort fest zufasst, wo es richtig wehtut.

 

Gnadenlos, zynisch, provokant wird die Realität seziert, wobei sich erahnen lässt, dass die Akteurin durchaus auch autobiographische Erfahrungen Raum gibt. "Ich? – Ah Geh!" ist ein heftiges Programm, das an Deutlichkeit nichts vermissen lässt und bis zum Schluss von Klarheit lebt. „Fantasie statt Fantasialand, Lust statt verordnete Lustigkeit“, darauf hat man nach einem Abend mit Gabriele Zink so richtig Lust.

 

Von Markus Zimmermann-Dürkop